Frugalistisch reisen: so leiste ich mir neben dem Vermögensaufbau mein teuerstes Hobby

In den typischen „wilden 20ern“ habe ich es komplett verpasst, die Welt unsicher zu machen, und habe stattdessen (worauf ich recht stolz bin) mein Diplomstudium in Regelstudienzeit durchgezogen und dabei komplett selbst finanziert. Zwischen unzähligen Hausarbeiten und einem sehr intensiven „Nebenjob“ kam Reisen in den Semesterferien einfach nicht in Frage; das eine oder andere Metal-Festival war schon das höchste der Gefühle. Dann kam der Jobeinstieg, weitere Umzüge – und mit etwa 27 Jahren begann ich das erste Mal, Reisen ernsthaft in Betracht zu ziehen. Der große Startschuss war eine traumhafte Silvesterreise mit drei lieben Freunden durch Island, und seither ist das Fernweh geweckt.

Das Fernweh hat mich in die mazedonischen Berge getrieben, in den thailändischen Regenwald, hat mir – in einer Seilbahn über der irischen Küste baumelnd – Delphine in freier Wildbahn beschert und lässt mich heute noch über waghalsige Wasserfall-Klettereien in Slowenien den Kopf schütteln. Ich habe auf Sri Lanka Wasserbüffeln beim Baden zugesehen, bin durch slowakische Lupinenhaine gejoggt, habe schottische Rentiere gestreichelt, bin im Kaukasus meinem georgischen Gastvater davongaloppiert, habe mit Litauern auf Bruderschaft getrunken, habe in niederländischen Sanddünen meditiert und auf einem Motorrad die italienischen Alpen überquert.

Es sind so viele so wertvolle, unvergessliche, unbezahlbare Momente in atemberaubenden Landschaften, die meinen philosophischen und kulinarischen Horizont unnachahmlich erweitert haben, durch die ich eine neue Form der Demut und Dankbarkeit gelernt habe, und das alles hat am Ende des Tages ganz stumpf Geld gekostet. Sogar einiges an Geld. Aber erstaunlicherweise beileibe nicht so viel, wie man meinen könnte.

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Eigenes Bild: Der georgische „Indian Summer“ im Kaukasus – mein tapferes PferdSchrägstrichPony freut sich auf den nächsten Galopp.

Finanzielle Bilanz: alleine reisen vs. zu zweit reisen vs. Gruppenreisen

Eine organisierte Gruppenreise zu buchen war bisher das Komfortabelste, aber auch das Teuerste, was ich mir rund um meine Reisen „gegönnt“ habe. Es ist unglaublich bequem, da man keine Stunden in die Vorbereitung oder in die Suche nach günstigen Flügen investiert. Gleichzeitig zahlt man allerdings dafür, dass all das irgendjemand anderes für einen erledigt. Irgendjemand bucht Deinen Flug, irgendjemand bucht Dich für Unterkünfte ein, irgendjemand streckt Deine Frühstückskosten vor und irgendjemand recherchiert Ausflüge etc. pp. und an alle dem möchte er jeweils etwas verdienen. Zusätzlich zu Deinem pauschal zu zahlenden Betrag X kommst Du natürlich zusätzlich für alles, was Du sonst noch so konsumierst wie z. B. Ausflüge oder Mahlzeiten.

Beispiel Island: Die Pauschalkosten für 10 Tage betrugen günstige 1.790 Euro (für Flüge, Unterkünfte, Rumkutschiert werden, Frühstück und ein 7gängiges Silvesterdinner) und dazu kamen nochmal knapp 400-500 Euro für Extra-Ausflüge, Eintritte, Restaurantbesuche, Souvenirs etc. pp. Das schaukelt sich übrigens schon deshalb nach oben, weil in der Gruppe natürlich umso schneller eine „jetzt wo wir schonmal hier sind schaue ich auch nicht aufs Geld“-Mentalität aufkommt und plötzlich der 180-Euro-Schnorchelausflug in die Silfra-Spalte gar nicht mehr so exorbitant teuer erscheint.

Das war meine bisher einzige nicht-individuelle Reise. Danach folgten einige individuelle Reisen mit Freunden oder Reisen als Paar mit A. – auch in der Zeit, als A. noch studierte und es eigentlich auf jeden Euro ankam. Da man sich Übernachtungskosten, Sprit bei Ausflügen, Taxi etc. teilt, würde ich tendenziell sagen, dass dies eigentlich die günstige Reiseart sein dürfte. Beispielsweise haben uns fast 3 Wochen durch Sri Lanka pro Person weniger als 1.000 Euro gekostet (inkl. Flügen).

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Eigenes Bild: Auch beim Fahrradverleih bieten 2 Räder eine leichtere Verhandlungsgrundlage als nur 1 Rad 😉

Wenn ich als Alleinreisende in Irland und Georgien unterwegs war, hatte ich zwar alle Kosten alleine zu tragen. ABER ich konnte komplett frei entscheiden, wie teuer oder günstig ich unterwegs sein wollte, konnte so viel (gratis) wandern wie ich wollte, keiner (außer mir selbst) jammert, wenn man vor lauter Aktivitäten auch mal das Essen vergisst und ich konnte auch ein paar günstigere Nächte in Hostels unterkommen, ohne dass jemand über Rückenschmerzen klagt. Abends war der Drang, in ein Restaurant zu gehen, deutlich geringer und stattdessen wurde mehr in der gemütlichen Hostel-Küche gekocht. So schaffte ich es beispielsweise, zwei Mal über 14 Tage lang quer durch Irland (was zu den teuersten europäischen Ländern überhaupt zählt) zu reisen und stets unter 1.000 Euro zu bleiben (inkl. Flügen).

Der Trugschluss: günstiger Reisen = günstigere Länder

Solange A. noch mitten im Vermögensaufbau steckt und wir unsere Reisen noch nicht aus der Portokasse stemmen, bietet es sich an, günstigere Reiseziele anzusteuern. Zu bedenken dabei: Die Länder, die Exotik mit einem locker bezahlbaren Luxusstandard verbinden, sind so weit weg, dass auf jeden Fall ein Flug nötig wird. Sprich: 4 Wochen Thailand kosten zu zweit vor Ort zwar nur ein Appel und ein Ei, aber da immer noch der Flug dazukommt, ist der Kosten-pro-Tag-Durchschnitt fast genauso hoch, als würde man es sich in einem der leicht erreichbaren Länder im Umkreis so richtig gutgehen lassen.

Bevor man also denkt, 10 Tage im supergünstigen Indien kosten bestimmt viel weniger als 10 Tage durch die verhältnismäßig teuren Niederlande zu radeln, bietet sich ein grober Überschlag der Kosten an. Übrigens buche ich keinen Flug, keine Unterkunft, einfach gar nichts, bevor ich nicht grob überschlagen habe, was mich die Reise ungefähr kosten wird. Es gibt immer schon irgendeinen Blogger, der irgendwo genauso lange gewesen ist wie Du es planst und der Dir grob aufdröselt, wieviel Geld er für was in die Hand genommen hat. Was vor Ort ein einfacher Restaurantbesuch, ein klimatisiertes Zimmer oder der Eintritt zu irgendeiner krassen Location, an der Du nicht vorbeikommst, kosten wird, lässt sich im gleichen Zuge herausfinden. Unabhängig davon bin ich persönlich ein riesengroßer Fan der Reiseliteratur von Stefan Loose, die zumindest einen groben Anhaltspunkt für die wichtigsten 5-6 Vor-Ort-Ausgaben gibt.

Eine typische Vorab-Rechnung für einen Urlaub sieht bei mir so aus (rechts daneben die realen Kosten, die ich hinterher nachgetragen habe):

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Was verstehe ich unter „frugalistischem Reisen“?

Vor ein paar Monaten habe ich endlich den einen Begriff gefunden, der meine Reiseart sehr gut beschreibt: Flashpacking.

Soll heißen: Ich drehe nicht jeden Cent um, aber jeden zweiten und wechsle „günstig“ und „komfortabel“ ab – oder suche einfach nach dem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis. Statt den letzten halben Euro herauszudrücken wähle ich lieber die Unterkunft, die etwas sauberer oder besser bewertet ist. Dabei setzte ich eher auf Bed & Breakfasts, Privatunterkünfte via Airbnb und Hostels als auf klassische Hotels, da ich tatsächlich gern mit Einheimischen in Kontakt komme und mich austausche, um mehr über das Leben und den echten Alltag zu erfahren. Hotels sind mir inzwischen zu anonym – auf Businesstrips voll okay, aber nichts für meine Freizeit.

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Eigenes Bild: Frühstück in einer ehemaligen Mühle – heute: ein Hostel mit „geheimem“ Kräutergarten im Hinterzimmer.

Dafür ist es mir wichtig, gerade bei längeren Strecken eine gute bis sehr gute Airline zu buchen. Gleichzeitig renne ich nicht wild zu allem, das Eintritt kostet oder brauche meine tägliche Luxusmassage, nur weil ich jetzt in einem fremden Land bin und man das da eben so macht. Stattdessen lasse mich auch treiben, nehme die Kultur auf wo es nur geht und verliere mich lieber in der Landschaft als im Shopping von Souvenirs. Aber da findet jeder seinen eigenen Weg und ist absolute Typsache! Ich bin beispielsweise die erste, die aus der Stadt rausrennt und erst aufatmet, wenn sie wieder irgendwo in der Steppe ist. Und dass ein London-City-Trip ein Vielfaches von einer mehrtägigen Bergwanderung kostet, ist ja auch irgendwie klar.

Butter bei die Fische: Wie oft, wie teuer? (Rückblick 2018)

Auch halbwegs günstige Reisen läppern sich natürlich über das Jahr. Beispiel 2018:

  • Sri Lanka (2,5 Wochen) => 985 Euro
  • Rom (4 Tage) => Business-Trip, daher kaum eigene Kosten
  • Irland (11 Tage) => 940 Euro
  • Slowakei (5 Tage) => 200 Euro
  • Tschechien (2 Tage) => 100 Euro
  • Amphi-Festival Köln (4 Tage – und ja, das führe ich extra auf, weil Festivals einfach auch ordentlich Geld fressen!) => 250 Euro
  • Berlin-Trip (3 Tage) => folgt (geschätzt: 130 Euro)
  • Vietnam (11 Tage – leider viel zu kurz, aber länger bekommt A. nicht frei) => folgt (geschätzt: 1300 Euro, wobei ich hoffe, die Kosten auf knappe 1.000 Euro zu bringen)

In Summe gebe ich 2018 für Trips dieser Art knapp 4.000 Euro aus – wobei zwei Fernreisen in einem Jahr für mich tendenziell viel sind. Für insgesamt 2 Monate Reisen inklusive Flügen, Unterkünften, Vollverpflegung, den einen oder anderen warmen home-made Brownie am einsamen Strand und Eintritte aller Arten ist der Gesamtpreis für mich wieder verhältnismäßig OK. Natürlich geht es sicherlich deutlich günstiger, gibt aber auch noch massiv Luft nach oben.

Die Devise sollte allerdings eigentlich sein: Je länger man an einem Ort ist, umso ökologischer und ökonomischer ist das Reisen – und somit weniger schädlich für Natur & Geldbeutel. Daher ärgere ich mich etwas, dass ich mich dieses Jahr nicht genug daran gehalten habe (was zum Teil an den Umständen liegt, aber …). Nun gut, nächstes Jahr sieht das hoffentlich etwas anders aus.

Obwohl dieses Jahr ganz sicher nicht mein günstigstes Reisejahr war, ist meine Reisekasse dennoch ganz gut gefüllt. Wie kommt das?

So spare ich auf meine Reisen

Ich bin bereit, mich bei allem einzuschränken. Wenn es drauf ankommt, wird Netflix rausgeschmissen, das Fitness-Studio gekündigt, trage ich meine Jeans 10 Jahre lang auf und verkaufe meine komplette Brettspielesammlung. Auf alles lasse mich ein. Aber ich weigere mich, Reisen aus Kostengründen bleiben zu lassen. Einfach nur: NÖ. Daher möchte ich die größte Weisheit von „rich dad poor dad“ gerne um einen Nebensatz erweitern: „Bezahle Dich selbst zuerst – und dann sichere Dir direkt eine gutgefüllte Reisekasse.“

Da ich in etwa weiß, dass ich rund 3.000 Euro pro Jahr „verreise“, überweist einer meiner vielen Daueraufträge am Montagsanfang auf mein sogenanntes „Urlaubskonto“ bei der DKB*. Dort wandern 300 Euro hin, damit ich im Laufe des Jahres 3.600 Euro fix ansammle. Praktischerweise gehört zu diesem Urlaubskonto auch eine kostenfreie VISA*, mit der ich weltweit – größtenteils gratis – Geld abheben kann. Wenn mal irgendwo Geld übrig ist, landet es mit 33%iger Wahrscheinlichkeit auf dem Urlaubskonto (oder wird mit 66%iger Wahrscheinlichkeit in irgendein Investment gesteckt).

Sprich: Jedes 3. Extra-Geld wandert momentan in meine Reisen und damit in mein … hm. Wenn Humankapital das ist, was mein Wissen wert ist – ist das Reisen dann mein Seelenkapital? Vielleicht. Daher wandert jedes 3. Extra-Geld in mein Seelenkapital und vermehrt sich dort unendlich; und spätestens bei Sätzen wie „Weißt Du noch? Damals? Das Kinder-Karaoke-Programm beim völlig verrückten Ralley-… ähhh Busfahrer in seinem Linien-Party-Bass-Bus auf dem Weg nach X?“ geht mir das Herz so sehr auf, wie Worte es nicht beschreiben können.

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Eigenes Bild: „… weißt Du noch? Als wir mit der 3. Klasse nachts um 11 Uhr zwischen den ganzen schlafenden Business-Leuten aus der Hauptstadt rausgefahren sind, der Zug keine Türen hatte und bei jeder Kurve so stark gewackelt hat, dass Du vom Stehen tagelang Muskelkater in den Beinen hattest?“ Unvergesslich!

Schritt-für-Schritt-Anleitung für „Reisen parallel zum Vermögensaufbau“

  • Mach Dir eine Liste, welche großen Ziele Du sehen möchtest (Fernreisen) – und welche kleineren (Kurztrips oder Ziele ohne Flug).
  • Lass Dich bei Reisen nicht von den Kosten überraschen, sondern mache vorab schon eine ganz grobe, nach oben (zu Deinen Ungunsten) gerundete Aufstellung. So vermeidest Du böse Überraschungen.
  • Schätze ab, wie viel Geld Du dafür pro Jahr ausgeben wirst und hinterfrage, ob dies Deine Vermögensaufbaupläne torpediert oder alles ok ist.
  • Brich die Jahreskosten auf 12 Monate herunter und richte einen Dauerauftrag ein.
  • Schreib Deine Kosten vor Ort immer schön mit.
    Ich nutze dafür einfach die „Notizen“-Funktion in meinem Handy. Hinterher wird alles in eine Excel übertragen – das dauert keine 10 Minuten und dafür habe ich volle Transparenz, wann ich für was wie viel Geld ausgegeben habe, wo ich mich vielleicht verschätzt habe und wo die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind.
  • Lass es Dir bei den Reisen gut gehen – aber schalte nicht den Kopf komplett aus. Kleinvieh macht aber sowas von Berge von Mist, im Ausland genauso wie bei Dir daheim! Wenn das in Deinem Reisebudget locker eingepreist ist, super 🙂 Wenn Du aber jedes Mal einen halben Herzinfarkt bekommst, wenn Du nach einer Reise auf Dein Konto schaust, dann ist es vielleicht an der Zeit, Dein Konsumverhalten zu hinterfragen.

Falls Dich die einzelnen Reisen (und ihre Kosten) von mir interessieren, findest Du sie nach und nach hier im Blog. Vielleicht hilft es a) bei Deiner Planung und ist b) ein Anreiz, die eine oder andere Gegend noch zu erkunden 🙂

Wo hattest Du Deine schönsten und gleichzeitig günstigsten Reisemomente? Und hast Du noch einen dicken Spartipp rund um das Reisen, den ich vielleicht noch nicht kenne? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

*PS: Bei diesen Links handelt es sich um Empfehlungslinks aus dem DKB „Kunden werben Kunden“-Programm. Bei dem kostenfreien DKB-Konto handelt es sich um ein Konto, das ich selbst schon einige Jahre nutze, mit dem ich persönlich sehr gute Erfahrungen gemacht habe (auch um 3 Uhr nachts, wenn man kurz vor einem Nervenzusammenbruch bei der DKB-Hotline anruft, weil man am nächsten Tag um 18 Uhr mit seiner VISA rund 1.500 Euro Sicherheit für einen irischen Mietwagen hinterlegen muss, die Tan-Liste dafür aber am anderen Ende von Deutschland liegt und sich auf der VISA noch schnuckelige 80 Euro befinden – und die Dame es nicht nur schafft, dass ich in der Nacht noch ein Auge zutun kann, sondern es wie-auch-immer gedeichselt bekommt, dass am nächsten Tag um 18:05 Uhr der nette Herr an der Mietwagenausgabestelle lächelnd die Autoschlüssel übergibt) und das ich daher gerne weiterempfehle. Falls Du über diesen Link gehst, erhalte ich irgendetwas – wahrscheinlich ein Müsli – von der DKB oder spende an eine gemeinnützige Gesellschaft. Du selbst hast dadurch keine Nachteile.

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